Arbeitsdefinition: Rassismus gegen Sinti*za und Rom*nja

1. Definition: Rassismus gegen Rom*nja und Sinti*za ist eine besondere Art von Rassismus, der sich und sich in mancher Hinsicht von anderen Rassismusformen unterscheidet. Grundsätzlich lässt sich Rassismus dadurch definieren, dass einer Gruppe von Menschen bestimmte, feststehende Eigenschaften zugeordnet werden. Sie gelten im common sense als feststehende Wahrheiten. Was dabei Rassismen und Rassismus gegen Sinti*za und Rom*nja unterscheidet, wird im folgenden Teil ausgeführt. Die Unterschiede lassen sich vor allem an der Intensität und  an der sozialen Funktion festmachen.

2. Kennzeichen des Rassismus gegen Rom*nja und Sinti*za: Kernelemente sind, wie bei anderen Rassismusformen auch, die Entmenschlichung und Reduzierung auf das „Zigeuner-Sein“ (Z). Das geht so weit, dass als „Z“ bezeichnete Menschen nicht mehr als Menschen wahrgenommen werden. Die Entmenschlichung beruht  nicht auf Missverständnissen und Ignoranz, sondern auf Mythen. Ein wesentliches Element ist die Zurückführung von zugeschriebenen Lebensstilen und Sozialverhalten auf biologische oder feststehende kulturelle Ursachen. Dies sind unter anderem die Zuschreibung (angeborener) musikalischer Fähigkeiten und die Assoziation mit Kriminalität. Während ersteres vor allem mit dem Begriff „Gipsy“ (G)im westeuropäischen Raum assoziiert wird, herrscht von Deutschland bis in den osteuropäischen Raum vor allem die Unterstellung von Kriminalität vor, die stark mit dem Begriff „Z“ verknüpft ist. Ebenfalls mit diesem Begriff verknüpft ist die Unterstellung parasitären Sozialverhaltens und Faulheit. Dabei werden antiziganistischen Stereotype überdurchschnittlich häufig nicht als solche erkannt. Ein weiteres Kennzeichen ist von Rassismus gegen Sinti*za und Rom*nja ist, dass die Betroffenen erst beweisen müssen, dass es diese Form der Diskriminierung überhaupt gibt, wodurch die Beweislast umgedreht wird.

3. Ursachen: Zunächst einmal möchten wir an dieser Stelle klarstellen, dass die Ursachen von Rassismus niemals bei den Betroffenen selbst gesucht werden dürfen, sondern als Mythos der Mehrheitsgesellschaft bezeichnet werden müssen. Wer bestimmte Rassismusformen zwar formal verurteilt, dann aber doch wieder ein bestimmtes Sozialverhalten, bzw. ein vermeintliches „Anderssein“ der Betroffenen als ursächlich für die Entstehung der Vorurteile anführt, hat sich zumindest nicht vollständig vom rassistischen Diskurs gelöst. Beim Rassismus gegen Rom*nja und Sinti*za ist das nicht anders. Selbst Menschen, die jeglichen Rassismusvorwurf weit von sich weisen würden, führen Vorurteile gegen Sinti*za & Rom*nja auf deren angeblich hohe Kriminalitäts- und Arbeitslosigkeitsraten zurück. Dass Armut und Erwerbslosigkeit unter Rom*nja & Sinti*za vor allem In Osteuropa weiter verbreitet sind als in der Mehrheitsbevölkerung, ist unbestritten. Dabei ist die Armut allerdings keine Folge eines Nicht-sesshaften Lebensstils o.ä., sondern gerade das Resultat sozialer Ausgrenzung und Diskriminierung. Oftmals sind sie gefangen in einem Teufelskreis aus Armut und sozialer Exklusion. Auch Kriminalität hat immer materielle Ursachen und keine kulturellen oder gar biologischen, wie Rassisten Glauben machen wollen. Zusätzlich zu den widrigen materiellen Lebensumständen haben viele Nationen formelle und informelle Zugangshürden zu Arbeitsmarkt, Bildung und öffentlichen Wohlfahrtsleistungen für Sint*za & Rom*nja errichtet, die wiederum Vorurteile verstärken. Die häufig anzutreffende Ghettoisierung wiederum kommt durch Separation der Wohnräume zu Stande, die oftmals sogar staatlich gefördert wird. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Selbstmarginalisierung und Segregation keine Folge kultureller oder wesensmäßiger Eigenschaften von Sinti*za & Rom*nja sind, sondern Ergebnis der materiellen Lebensumstände und von Diskriminierung.

Ebenso deutlich möchten wir darauf hinweisen, dass Rassismus gegen Rom*nja und Sinti*za, wie andere Rassismusformen auch, nicht durch Verschwörung zu erklären ist, sondern gesellschaftliche Ursachen hat; diese sind  in der ökonomischen Struktur der Gesellschaft zu suchen:

Unserer Analyse nach ist Rassismus gegen Sinti*za und Rom*nja eine eigenständige Rassismusform, die sowohl in ihrer Wirkung als auch was ihre Gefährlichkeit angeht, dem Antisemitismus gleichwertig ist. Dass wir im Folgenden Parallelen zum Antisemitismus aufzeigen, liegt daran, dass die beiden Rassismusformen trotz qualitativer Unterschiede sich strukturell stark ähneln und unserer Analyse nach gemeinsame Ursachen haben.

Rassismus gegen Rom*nja und Sinti*za gab es zwar schon im feudalen Mittelalter, er wurde damals aber eher nicht rassistisch, sondern meist religiös begründet (ganz ähnlich also wie beim Antisemitismus). Erst mit der Durchsetzung kapitalistischer Produktionsverhältnisse im 16.Jh. konnten Menschen, die sich angeblich dem Zwang zu sesshafter Arbeit entzogen, zu einem massentauglichen Feindbild werden. Der Vorwurf des sozialen Parasitentums kam auf. Während Jüdinnen und Juden im antisemitischen Klischee meist als gierige „Zinshecker“ und unproduktive Nutznießer der Modernisierung dargestellt werden, steht das Zigeunerstereotyp für ein „Nicht-Unterordnen-Wollen“ unter die

Produktionsbedingungen der modernen kapitalistischen Gesellschaft. Mit der Entstehung territorialer Nationalstaaten im 19.Jh fasste schließlich auch der Rassismus verstärkt Fuß. Das ist kein Zufall, sondern hängt miteinander zusammen. Denn dadurch. Dass Menschen sich mit einer vermeintlichen nationalen Bezugsgemeinschaft identifizieren, kann ein Innen und ein Außen der Nation konstruiert werden. Wer nicht zur Nation oder zur Volksgemeinschaft gehört, erfährt dabei so gut wie zwangsläufig Abwertung. Rassismus gegen Sinti*za und Rom*nja ließ sich dabei in allen Bevölkerungsschichten finden: Von den Herrschenden wurde er zu allen Zeiten massiv gefördert, nicht zuletzt deswegen, weil der Hass auf Minderheiten den ausgebeuteten Massen ein hervorragendes „Ersatzfeindbild“ bot, an dem sie ihre Wut über die miserablen Lebensbedingungen auslassen konnten. Leider lässt sich aber auch immer wieder beobachten, dass an Verfolgung und Pogromen gerade auch die Bevölkerungsschichten beteiligt sind, die selbst zu den Opfern der Gesellschaft gehören. Dahinter steckt ein nicht zu unterschätzendes psychologisches Motiv: Menschen, denen das Glück eines guten Lebens ohne Mühsal und Ausbeutung dauerhaft und völlig unnötiger Weise vorenthalten wird, müssen den Wunsch nach ihm verdrängen. Sie reagieren daraufhin mit Hass auf diejenigen, denen es nicht verwehrt wurde: Was sie selber nicht bekommen konnten, steht auch niemand anderem zu! Dabei ist es völlig nachrangig, ob die gefundenen Feindbilder dieses Leben wirklich haben. Die zugeschriebenen Eigenschaften können ebenso gut einer Legende entstammen, wie einer zwar vorhandenen, aber sozial verursachten Praxis, die dann biologisiert wird. So konnten Sinti*za & Rom*nja, ähnlich wie Jüdinnen& Juden, denen nachgesagt wurde und wird, Glück nicht durch anstrengende Arbeit, sondern durch parasitäres Sozialverhalten erlangt zu haben, zum Hassobjekt werden. Die Geschichte der Verfolgung und Diskriminierung erreichte mit der zum Selbstzweck gewordenen Vernichtung im Nationalsozialismus ihren schrecklichen Höhepunkt.

Aus dieser Analyse folgt für uns, dass angesichts ihrer Gefährlichkeit, Rassismus gegen Rom*nja und Sinti*za, wie auch andere Rassismusformen im Hier und Jetzt bekämpft werden müssen. Weiterhin glauben wir, dass das aber nicht ausreicht, um die Ursache wirklich zu beseitigen. Dies würde eine grundsätzlich andere Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung erfordern, in der Menschen ohne Ausbeutung und materielle Not leben können.

1Auch der EU-Kommissar für Menschenrechte des Europaparlaments a.D.,Thomas Hammarberg, vertritt die Ansicht, dass die Finanzkrise mit ursächlich für das Erstarken des Rassismus gegen Sinti*za und Rom*nja in Europa ist. Im Interview sagt er: „Die Menschen haben Angst vor Arbeitslosigkeit und Verzicht. Viele sind bereits arbeitslos. In einer solchen Situation neigen Menschen dazu, Sündenböcke zu suchen. Oft waren das in der Geschichte die Roma“.