Strategien des Empowerments von Sinti*za und Rom*nja

Zusammengefasste Thesen von Merfin Demir

Einleitende Thesen: 

  1. Es bedarf differenzierter Empowermentansätze für Sinti*za und Rom*nja, weil diese verschiedene kulturel-le, religiöse und regionale Hintergründe mitbringen.
  2. Selbstverständlich haben Rom*nja und Sinti*za Gemeinsamkeiten. Ihnen wird in diversen Nationalstaaten der Status als nationale Minderheit zu-gestanden, was wiederum auf ethnisch-sprachlichen Gemeinsamkeiten beruht.
  3. Rassismus gegen Sinti*za und Rom*nja  hat eine nicht zu unterschätzende Wirkungskraft auf die Identitätsbildung von Jugendlichen Rom*nja/Sinti*za, die zu folgenden persönlichen Strategien führen kann: 

InternalisierungsstrategieJunge Sinti*za/Rom*nja übernehmen antiromaistische/antiziganistische Fremdzuschreibung als Selbstzuschreibung. 

Selbstassimilierungsstrategie: Junge Rom*nja/Sinti*za geben ihre Identität komplett auf, zumeist gemeinsam mit ihren Familien. Sowohl nach Innen als auch nach außen definieren sie sich daher nicht als Sinti*za/Rom*nja. 

Doppelstrategie: Nach Außen wird ei-ne Identität suggeriert oder aktiv kommuniziert, die keine Rom*nja/Sinti*za-Identität ist (türkisch, italienisch, serbisch etc.), nach Innen jedoch wird die Identität als Sinti*za/ Rom?nja gelebt. 

Abgrenzungsstrategien: Rom*nja/Sinti*za definieren sich als „die besseren Romnja/Roma“ und weisen die „Zigeunerkonstruktion“ anderen Rom*nja-/Sinti*za-Gruppen zu. Durch Abwertung anderer Sinti-/Roma-Gruppen kommt es zu der Aufwertung der eigenen, konstruierten Gruppe. Auch kommt es zur Selbstzuschreibung die „echten“ Sinti*za/Rom*nja zu sein.

Mythologisierungs-Strategie: Es erfolgt die Zuweisung einer mythischen Herkunft: bei christlichen Sinti*za/Rom*nja ist dies z.B. der 13. verlorene Stamm der Juden, bei muslimischen Roma häufig die Verbindung mit dem Stamm Quraisch. 

Offensive Strategie: Rom*nja/Sinti*za bekennen sich offen zu ihrer Identität. Was oftmals mit Konsequenzen im Lebensalltag verbunden ist.

Im Alltag sind durchaus auch Mischformen dieser Strategien verbreitet.

Schlussfolgerungen daraus

  1. Junge Sinti*za/Romnja brauchen daher alternative Meinungskonzepte und Möglichkeiten zur positiven Identitätsbildung, was die Grundlage der Empowermentarbeit sein müsse. Ein gesundes Selbstbild schaffe faktisch die Grundlage aktiver Bürgerbeteiligung. 
  2. Weil die Community über eigene Strukturen und Mechanismen verfüge, ist das Einfühlungsvermögen hierfür essentiell. Erst danach könne die Community als Ressource der Jugendarbeit erschlossen werden. 
  3. Empowerment in der Community ist nicht allein durch Projekte zu schaffen. Personalentscheidungen müssten außerdem in den Projekten öfter zugunsten von Sinti*za/Rom*nja erfolgen. 
  4. Verankerung in der Roma-Community heißt, Schlüsselpersonen, die in die Community hineingeboren sind, in die projekt- und verbandspolitische Arbeit aktiv einzubinden. Ihre Aufgabe ist es, als Mediatoren zwischen dem System Community und dem System Projekt/Verband zu agieren. 
  5. Es ist zwischen drei Formen der Diskriminierung gegenüber Sinti*za und Rom*nja aus Sicht der Betroffenen zu differenzieren:
  • Die nicht wahrgenommene Diskriminierung.
  • Die nur von den Betroffenen wahrgenommene Diskriminierung.
  • Die aktive bzw. direkt ausgeübte Diskriminierung, die offensichtlich ist.